„Magst du was ziehen?“, fragte ich sie, als sie sich endlich umgedreht hatte. Ich hatte sie zuvor bestimmt zehn Mal an fünf verschiedenen Stellen ihres Körpers antippen müssen, bis sie aus ihrem Tanz erwachte. „Magst du was ziehen?“ rief ich ihr also noch mal ins Ohr und versuchte dabei einigermaßen beherrscht zu schauen. Nicht so absofuckinglutely out of my mind, wie ich mich gerade fühlte. Dann drängten wir uns über den voll gestopften Dancefloor des Berghains, stolperten an der Bar vorbei und schlossen uns in einer Kabine ein. „Was hast du denn?“, fragte sie, „Speed.“, antwortete ich und es hätte der Beginn einer wunderbaren Liebe sein können. Wir danceten dann wieder etwas abseits und dann und wann nahm sie mich und schrie mir Sachen ins Ohr. Ich legte meinen Arm ebenfalls um sie und antwortete „Ja.“ weil ich absolut nichts verstand. Dabei war sie schon süß. Ellen Alien legte jetzt „Missy Queen’s Gonna Die“ auf, ein gefühlloses jamais-vu, eine eiskalte Offenbarung der Sinnlosigkeit dieser Musik. Dann standen wir in diesem blöden verglasten Raucherraum, in dem schon der Tag angebrochen war, oder besser das Grauen angekrochen bzw. das Licht der nüchternen Betrachtung all dessen, dem natürlich nichts Stand hielt. Ach nein, zuerst zwang sie mich, ein ganzes Glas Wasser auszutrinken.
Dann standen wir da im Licht und rauchten.
Dann hüpfte sie hoch über die Treppe auf die Chillfläche über den Toiletten. Ich sah ihr nach, sah ihren grünumwickelten Apfelpo, zögerte kurz, dachte „fuck it“ und ging straight durch in die Panorama Bar. Dort explodierte gerade ein Bass und zerbrach in tausend exakte Scherben.
Dann flaute doch alles wieder ab. Minimale Musik auf beiden Floors. Als verheirateter Vater stand ich irgendwann nur noch am Rand, klaute kein Bier mehr, zog auch nichts und machte mir dementsprechend Gedanken:
Gibt es eigentlich überhaupt noch so was wie peak-time Techno?
Muss man dafür mittlerweile bis Sonntag Nachmittag warten?
Sind das also die späten Nuller Jahre?
Als ich am Vormittag das Berghain verließ ging ich nicht hinaus, nicht nach Hause, nein, ich überließ dieses Wunder von einem Club einer anderen Generation.